Der Dokumentarfilm „The Stringer“ erhebt den Vorwurf, das ikonische Foto „The Terror of War“ sei dem AP-Fotografen Nick Ut fälschlicherweise zugeschrieben worden und stamme tatsächlich von einem lokalen Mitarbeiter, einem sogenannten „Stringer“. Was ist dran an dem Vorwurf?
„The Stringer“ feierte am 25. Januar auf dem Sundance Film Festival 2025 Premiere. Der Dokumentarfilm unter der Regie von Bao Nguyen beleuchtet die Entstehungsgeschichte eines der bekanntesten Fotos des 20. Jahrhunderts: „The Terror of War“, besser bekannt als „Napalm Girl“.
Das Foto wurde am 8. Juni 1972 unmittelbar nach einem „Friendly Fire“-Bombardement südvietnamesischer Piloten auf das Dorf Trang Bang aufgenommen und zeigt die neunjährige Kim Phuc, die nackt und schwer verbrannt nach einem Napalm-Angriff weinend über eine Straße läuft.
Das Foto, das weltweit als Symbol für die Schrecken des Krieges gilt, brachte dem Associated-Press-Fotografen Nick Ut 1973 den Pulitzer-Preis ein. Es war der Eckpfeiler seiner Karriere, bis er 2017 bei Associated Press in den Ruhestand ging. Ut war erst 21 Jahre alt, als sich der Vorfall in Trang Bàng ereignete.
The Stringer
Die im Film von Regisseur Bao Nguyen aufgestellte These, das Bild stamme von einem Stringer, basiert auf einer Aussage von Carl Robinson, einem ehemaligen AP-Fotoredakteur, der an dem besagten Tag im AP-Büro in Saigon anwesend war. Konkret behauptet Robinson im Film, dass Horst Faas, der damalige Leiter der AP-Fotoabteilung, ihn angewiesen habe, das Foto Nick Ut zuzuschreiben.
Demnach wollte Carl Robinson sich 2022, kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag, von „der Last einer 50 Jahre währenden Vertuschung“ befreien und schrieb eine E-Mail an den Fotojournalisten Gary Knight, der Mitbegründer und CEO der VII Foundation ist, einer gemeinnützigen Organisation, die sich für den Journalismus einsetzt und Bildungsarbeit leistet.
Der Film begleitet Knight bei seinen Nachforschungen, bei denen er von den Journalisten Fiona Turner, Terri Lichstein und Lê Vân unterstützt wurde. Robinsons vietnamesische Frau, Kim-Dung Robinson, half bei der Informationsbeschaffung.
Um Robinsons Behauptung zu überprüfen, stellte das Filmteam zwei Jahre lang Recherchen an. Gary Knight: „Wir haben 55 Personen interviewt, 45 davon vor der Kamera, und wir haben forensische Untersuchungen durchgeführt“. Die Interviews verweben Regisseur Nguyen und sein Cutter Graham Taylor in „The Stringer“ mit Archivmaterial und kurzen, dialogfreien, nachgestellten Szenen des Saigons der Kriegszeit, als Hunderte von internationalen Journalisten in der Stadt lebten und arbeiteten. Das Hauptaugenmerk des Filmemachers liegt jedoch auf der Recherche, die sich vom Kriegsmuseum in Ho-Chi-Minh-Stadt, wie Saigon heute heißt, bis in die Vororte von Kalifornien erstreckte.
Nick Ut, der sich nicht in dem Dokumentarfilm äußern wollte, weist der Film eine „ungefragt übernommenen Rolle in einem massiven Fall von Verwechslung“ zu. Kim Phuc selbst wollte sich ebenfalls nicht zu einem Interview für den Film zur Verfügung stellen, hat aber nach eigenen Angaben auch keine Erinnerungen an den entscheidenden Tag.
Letztlich zitiert der Film ausschließlich lokales Hilfspersonal, statt Aussagen der vor Ort anwesenden Journalisten einzubeziehen. Einer von ihnen war Fox Butterfield, ein renommierter, langjähriger Reporter der New York Times, der von Turner für den Dokumentarfilm kontaktiert wurde. „Ich
habe ihnen gesagt, was ich in Erinnerung habe, und es hat ihnen nicht
gefallen, aber sie haben trotzdem weitergemacht“, so Butterfield gegen-über AP.
Eine Rekonstruktion der Ereignisse, die unter Verwendung aller verfügbaren Foto- und Filmaufnahmen erstellt wurde, will beweisen, dass Nick Ut nicht in der Position gewesen sei, aus der das Foto entstanden ist. Stattdessen habe Nguyen Thanh Nghe das Foto gemacht. Was ist davon zu halten und wie plausibel untermauert der Film diese These?
- David Burnett/Contact Images: Vietnam War South Vietnam, Quang Tri Province, Trang Bang, June 8th 1972
Diese Bilder vom Ort des Geschehens zeigen den jetzt als Nguyen Thanh Nghe identifizierten Stringer, der die Urheberschaft an dem ikonischen Foto „The Terror of War“ beansprucht
Zur Sache
Nguyen Thanh Nghe, nach seinen eigenen Angaben ein ausgebildeter Militärfotograf, sagt in dem Film aus, er sei an jenem Tag mit Nick Ut zum Ort des Bombenanschlags gefahren. Tatsächlich war er jedoch der Fahrer eines vor Ort anwesenden NBC Teams. Der Fahrer von Nick Ut war an diesem Tag nachweislich ein anderer Vietnamese namens Nguyen Van Cuc.
Nguyen Thanh Nghe benennt im Film die Kamera, die er benutzt hat, und lokalisiert den Ort, an dem er stand. Zu dem von ihm gefahrenen NBC Team gehörte demnach sein Schwager Tran Van Than, der für den Ton zuständig gewesen sein soll. Im Film dient er als Kronzeuge für Nghes Darstellung. So gibt Than im Film zu Protokoll, er habe Nghe anschließend persönlich zum AP-Büro begleitet, das sich direkt neben dem von NBC befand. Demnach sei er, also nicht Nguyen Thanh Nghe selbst, hineingegangen, um die Filme zu verkaufen, während sein Schwager draußen gewartet habe. Der Käufer des Films sei Horst Faas persönlich gewesen.
Diese Darstellung passt nicht zu dem, was zumindest bislang als gesicherte Erkenntnis über den Verlauf des Tages gilt. Demnach befand sich Horst Faas zu dem Zeitpunkt, zu dem das Foto entwickelt wurde, gar nicht im AP-Büro, sondern kam erst später dorthin zurück.
Im Widerspruch dazu berichtet Tran Van Than im Film weiter, dass Faas, nachdem der Film entwickelt worden war, das Negativ des verbrannten Mädchens in seiner Gegenwart abschnitt und es beiseitelegte. Tatsächlich wurden jedoch zwei hintereinanderliegende Negative aus dem Film geschnitten, dass entscheidende mit der Nummer 7a, und das darauffolgende mit der Nummer 8a. Beide befinden sich als ein Filmstreifen im AP-Archiv in New York.
Der Foto-Historiker Michael Ebert hat jahrelang über das Foto geforscht. Er rekonstruiert die entscheidenden Ereignisse an jenem Tag wie folgt: „Insgesamt liefert Nick Ut an diesem Tag acht Kodak-Tri-X-Pan Filme mit jeweils 36 Aufnahmen ab. Während diese vom japanischen AP-Fotograf Yuichi ,Jackson‘ Ishizaki entwickelt werden, der an diesem Tag Labordienst hat, bleibt Nick Ut im Büro. Da die Temperatur im Labor praktisch nie unter 30 Grad sinkt, beträgt die Entwicklungszeit nur drei Minuten. Nach der Trocknung der Filme macht Ishizaki einige Vergrößerungen im Format 13 x 20,5 cm.“
Laut einer mündlichen Befragung von Ut, die von der Leiterin des AP-Archivs, Valerie Komor, und der ehemaligen Sonderkorrespondentin Linda Deutsch am 15. Mai 2016 in Los Angeles durchgeführt wurde, sah Ishizaki bei der Entwicklung des Films, dass Kim Phuc nackt war, und fragte Ut, warum sie keine Kleidung trug und warum er ein Foto von einem nackten Mädchen gemacht habe. Ut erklärte, dass sie durch Napalm verbrannt worden sei und ihre brennende Kleidung abgelegt habe.
Michael Ebert: „Das Bild der Bilder mit der Nummer 7a wird von Carl Robinson als diensthabendem Bildredakteur gleich aussortiert, da es gegen die Regeln der Agentur verstößt, die ,frontal nudity‘ in der Abbildung verbieten. Damit stößt Robinson jedoch auf das Unverständnis der Kollegen“, so Ebert. Erst zu diesem Zeitpunkt wies Ishizaki einen Büroangestellten an, Horst Faas aus dem nahe gelegenen Royal Hotel abzuholen, wo er mit dem AP-Korrespondenten Peter Arnett zu Mittag aß, um ihm mitzuteilen, dass Ut mit Fotos vom Einsatz zurückgekehrt war, die Faas sehen sollte. Als Faas mit Arnett zurückkehrte, sah er sich das Bild an, erkannte seine Aussagekraft, fragte, warum es nicht schon abgeschickt worden sei, und ordnete die Übermittlung des Bildes nach New York an. Außerdem beglückwünschte er Ut zu seiner Arbeit.
Michael Ebert: „Die Zeit drängt, der nächste Funk-Cast, das Zeitfenster, in dem Fotos übertragen werden können, ist um 17.00 Uhr. Nun schickt Faas ein Telex an den Chef des Bilddienstes AP Vice President Hal Buell in der New Yorker Zentrale. Er bittet ihn, das Bild trotz des Regelverstoßes in den weltweiten Dienst zu übernehmen. In der Zwischenzeit wird von dem Motiv ein verdichtender Ausschnitt angefertigt. Um 17.00 Uhr wird das Foto zusammen mit zwei weiteren Motiven des Ereignisses mit einem Bildfunkgerät vom Typ Muirhead K220 71 in 14 Minuten nach Tokyo gefunkt und von dort aus via Festleitung weiter nach New York übertragen, wo die Bilder am frühen Morgen des 8. Juni eintreffen, rechtzeitig genug, um noch in einigen Abendzeitungen wie dem Toronto Star zu erscheinen. Am Morgen darauf drucken zahlreiche weitere Blätter das Bild. Allen voran die New York Times.“
Horst Faas starb im Jahr 2012, Yuichi „Jackson“ Ishizaki 1986. Wer von den Anwesenden außer Robinson noch lebt, ist neben Peter Arnett der damalige TIME-Fotograf David Burnett, der ebenfalls nicht in dem Film vorkommt. Er erinnert sich: „Ich konnte das Bild nicht im Detail erkennen, aber mich bestürzte sofort, wie dramatisch und bewegend es war. Ich dachte mir: Das ist besser als alle Bilder, die ich gemacht habe“. Zu der Frage der korrekten Zuordnung ist dem Statement zwar nichts zu entnehmen, dafür spricht aber, dass AP über ein erprobtes Verfahren verfügte, um sicherzustellen, dass der entwickelte Film dem richtigen Fotografen zugewiesen wurde. „Seit Mitte der 60er Jahre die ersten Journalisten im Dienst von AP in Vietnam ums Leben kamen, wurde die Zuschreibung von Autorenschaft überaus ernst genommen“, so Michael Ebert.
AP-Mitarbeiter Neal Ulevich beschreibt die damalige Routine im Umgang mit Filmmaterial wie folgt: „Wenn jemand mit einer Filmrolle hereinkam, wurde sie mit einem von zwei Klebeetiketten mit derselben Nummer markiert. Das andere Etikett wurde auf einen Umschlag oder ein Blatt Papier geklebt, auf dem die Angaben zum Fotografen vermerkt waren. Im Dunkeln wurde das Etikett auf den Rand des Films geklebt, so dass nachvollziehbar blieb, zu welchem Umschlag er gehörte. Da wir in einer unvollkommenen Welt leben, können Fehler gemacht werden, aber während der gesamten Zeit, in der ich dort war, gab es keinen einzigen Fall eines Fehlers. Nicht ein einziges Mal hat jemand behauptet, dass der Dunkelkammerprozess versagt hat. Das System hat funktioniert.“
Robinson selbst hat weder 2005 in einer mündlichen Befragung für das AP-Unternehmensarchiv erwähnt, dass er das Foto falsch identifiziert habe, noch hatte er angedeutet, dass er unsicher sei, ob Ut das Foto aufgenommen habe. Auch in seinem Buch über seine Zeit in Vietnam gibt es keinen Hinweis auf die Anschuldigungen, worüber Robinson jetzt im Film allerdings sein Bedauern zum Ausdruck bringt. Michael Ebert: „Tatsache ist, dass niemand der damals in Saigon für AP arbeitete, die Autorenschaft von Nick Ut jemals bezweifelt hat, abgesehen von Carl Robinson.“
Nguyen Thanh Nghe selbst verweist im Film als Grund für sein langes Schweigen darauf, dass er nach seiner Flucht aus Vietnam in die USA im Jahr 1975 davon ausging, dass Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit überwogen hätten, weil er keine Beweise hatte. Ein Abzug des Negativs, den Faas ihm gegeben haben soll, sei von seiner Frau vernichtet worden, weil sie das Foto zu grausam fand. Immerhin: Nghes Tochter erinnert sich im Film, das Foto in ihrem Elternhaus gesehen zu haben … Aber reicht das als Nachweis aus, dass an der Geschichte etwas dran sein könnte?
Angesichts der aufgekommenen Zweifel an der Authentizität der Urheberschaft analysierte AP erneut sämtliche verfügbaren Belege, Originaldokumente, Zeugenaussagen, Archivmaterialien und die technischen Aspekte der Aufnahme anhand der Originalnegative. Deren forensische Untersuchung ergab jedoch keine physischen Indizien, die Rückschlüsse darauf zulassen, aus welcher Kamera sie stammen könnten.
Weitere Bilder des Geschehens, die sich im Besitz von AP befinden und die Ut an diesem Tag aufgenommen hat, sind unvollständig, da es gängige Praxis des Büros war, nur die Negative der übermittelten Fotos nach New York zu schicken und nicht die Outtakes. Der Rest wurde entweder an den Fotografen zurückgegeben oder weggeworfen. Und selbst, wenn sie im AP-Büro in Saigon aufbewahrt worden wären: Das Fotoarchiv des Saigoner Büros ging zusammen mit dem gesamten Inventar verloren, als die nordvietnamesische Armee die Stadt übernahm – mit Ausnahme einiger Dokumente, die von den fliehenden Mitarbeitern mitgenommen wurden.
Allerdings identifizierten alle zeitgenössischen Berichte aus dem Jahr 1972, einschließlich der AP-internen Dokumentationen, Nik Ut eindeutig als Urheber. Auch Journalisten und Fotografen, die zur selben Zeit vor Ort waren, bestätigen, dass Ut das Foto aufgenommen hat.
- Die in Trang Bang anwesenden Journalisten, Filmteams und Stringer (Foto: Bettmann/CORBIS)
- Das Negativ 7a und 8a sind unzerschnitten erhalten geblieben und sind im Archiv von AP in New York
Die Rekonstruktion
Michael Ebert, der das komplette Material analysiert hat und daher viele der anwesenden Personen und ihre Position exakt identifizieren kann: „Vor Ut sind schon eine Reihe Kollegen eingetroffen, unter ihnen neben David Burnett und Fox Butterfield auch Hoang Van Danh, ein junger vietnamesischer Fotograf, der wechselseitig AP und UPI mit Bildern beliefert, sowie Christopher Wain von der britischen Fernsehproduktion ITN mit seinem Kameramann Alan Downes und dem Tontechniker Tom Phillips. Von dem amerikanischen Sender NBC sind der Korrespondent Arthur Lord, der Kameramann Le Phuc Dinh sowie jener, bis zum Erscheinen des Films unbekannte Tontechniker vor Ort. Schon aufgrund seiner Größe leicht auf den Fotos zu identifizieren ist Alexander D. Shimkin, ein aus Washington stammender Amerikaner, der mit dem US-Friedenscorps nach Vietnam gekommen war. Ansonsten ist über An- und Abwesenheiten am 8. Juni 1972 viel spekuliert worden“, so Ebert.
Neben den Teams von ITN und NBC sind auf den vor Ort entstandenen Fotografien zwei weitere Männer mit Filmkameras auszumachen. Ebert: „Beide sind offenbar Vietnamesen, (beide) haben die gleichen Filmo-16-mm-Kameras und tragen zum üblichen Kampfanzug sogenannte Boonie Hats. Einer der beiden ist Brillenträger und verwendet zusätzlich eine Nikon-F-Fotokamera. Der andere hat neben der Filmkamera einen Kassettenrekorder umgehängt. Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei den beiden um Stringer. Neben den Aufnahmen der TV-Sender muss es also zwei weitere Filme der dramatischen Ereignisse gegeben haben. Komplett erhalten und zugänglich sind nur die rund 1:30 Minuten von ITN. Von dem NBC-Material sind nur noch wenige Sekunden vorhanden. George Lewis, NBC Reporter im Vietnamkrieg, vermutet, dass das übrige Material unmittelbar nach der ersten Sichtung vernichtet wurde, weil man es als zu brutal und somit nicht sendefähig bewertete. Was aus den Filmen der beiden Stringer wurde, ist ebenso ungeklärt. Die insgesamt rund 140 noch existierenden Fotos können vier Autoren zugeordnet werden: Nick Ut, David Burnett, Hoang Van Danh sowie dem unbekannten Stringer mit der Nikon F, wir nennen ihn ab jetzt Stringer 1“.
Rätselhaft war bislang jedoch die Identität eines Vietnamesen in Zivil, der ein Flak Jacket trug und ebenfalls auf der Nationalstraße 1 fotografiert hat. Ebert: „Er benutzt zwar eine 35-mm-Spiegelreflexkamera, wirkt aber nicht wie ein Reporter, da er außer der Kamera – erkennbar keines der damals üblichen Profimodelle – auch sonst keinerlei Ausrüstungsgegenstände oder Taschen bei sich trägt.“ Bei ihm handelt es sich offenbar um Nguyen Thanh Nghe, der jetzt die Urheberschaft an dem Foto für sich beansprucht.
Michael Ebert zum weiteren Verlauf des Tages: „Auf der Nationalstraße 1 hat es angefangen zu regnen. Bis zum Mittag passiert nichts, und einige Reporter spielen schon mit dem Gedanken, wieder abzufahren. Dann taucht ein südvietnamesischer Skyraider-Jagdbomber auf, der im Tiefflug die Stellungen der Vietcong mit weißen Rauchbomben markiert. Gleichzeitig kennzeichnet die südvietnamesische Infanterie ihre eigenen Standorte mit violettem Rauch. Dann eskaliert die Situation. Der weiße Rauch löst sich im Regen auf und zwei weitere Skyraiders orientieren sich offenbar kurz darauf an dem violetten Rauch. Sie werfen vier Napalm-Kanister direkt über der Stadt ab. Nick Ut und Stringer 1 fotografieren die Explosionen aus zurückgesetzter Position von der ersten Straßensperre aus. Sie stehen exakt nebeneinander. Von Ut sind zwei Belichtungen nachweisbar, von Stringer 1 eine, die bis jetzt fälschlicherweise Hoang Van Danh zugeschrieben wurde. Auf den drei Bildern sind viele der anwesenden Journalisten festgehalten, darunter auch Hoang Van Danh und ein Fotograf, der ganz vorne, vor der Gruppe, arbeitet und auch kurz in den TV-Filmen zu sehen ist.“
Michael Ebert: „Auf den ersten Blick könnte man annehmen, es sei Nick Ut. Das ist aber nicht möglich, Ut trägt andere Kleidung und darüber hinaus ist der bislang unbekannte Fotograf auf Uts Bild zu sehen.
- Der Journalist Chris Wain und ein unbekannter Stringer kühlen Kims Wunden mit Wasser aus ihren Feldflaschen, geben ihr zu trinken und bedecken sie anschließend mit einem Poncho
Wenig später wird klar, dass die Flugzeuge nicht die gegnerischen Stellungen, sondern das Dorf getroffen haben, denn jetzt kommen den Reportern die ersten Flüchtlinge aus dem brennenden Trang Bang entgegen. Dann wird in den Feldern rechts der Straße eine Gruppe Kinder erkennbar, im Zentrum die völlig nackte und schwer napalmverbrannte neunjährige Phan Thi Kim Phuc. Sie laufen in Richtung der Straße. ITN und NBC filmen sie noch in großer Entfernung. Dann geht alles ganz schnell. Kameramann Alan Downes zeichnet 15 Sekunden auf, in denen sich alles abspielt.
Das erste Foto von Kim Phuc, das in den Archiven nachweisbar ist, macht Hoang Van Danh in dem Moment, als die Kinder vom Feld auf die Straße kommen. In der Ruhe, die es vermittelt, wirkt es fast surreal. Einen Augenblick später und einige Meter weiter hat sich die Situation völlig verändert.“ Es entstehen zwei Fotos, das erste zeigt Kim schreiend, mit ausgebreiteten Armen.
„Zum Zeitpunkt der höchsten Dramatik ist David Burnett bereits ein ganzes Stück in Richtung Stadt gelaufen. Als die Kinder ins Blickfeld der anderen Reporter kommen, befinden sie sich also schon in seinem Rücken. Er macht kehrt, schießt einige Bilder mit seinem Tele und rennt zurück. Als er ankommt, muss er feststellen, dass der Film in seiner Leica voll ist. Hoang Van Danh, der praktisch gleichauf mit Nick ist, hat dasselbe Problem. Ein paar Sekunden später entsteht ein weiteres eindrucksvolles Foto“, so Michael Ebert: „Es wurde von UPI vertrieben und bis heute gilt Hoang Van Danh als Autor. Doch auch dies ist nicht korrekt, da auch er in der Vergrößerung zu finden ist. Dies lässt den Schluss zu, dass stattdessen Stringer 1 als Urheber angesehen werden muss. Letztlich beweist das der Film von NBC 44, der ein exakter Gegenschuss zu seinem Foto ist. Auf dem Film kann man sehen, dass Stringer 1 seine Filmkamera zwischen die Beine geklemmt hat und nun fotografiert.“
Sein Foto zeigt ebenfalls die laufenden Kinder. „Im Hintergrund klar zu erkennen, filmen die TV-Teams von ITN und NBC. Das Bild wurde mit einem Tele aufgenommen. Es dauert maximal 15 Sekunden, bis den Kindern geholfen wird, und zwar von den Journalisten. Chris Wain und Stringer 1 stoppen die laufenden Kinder. Sie kühlen Kims Wunden mit Wasser aus ihren Feldflaschen und geben ihr zu trinken. Man bedeckt sie mit einem Poncho. Kim Phucs Onkel Sau Do bittet Nick Ut, die Kinder ins Krankenhaus zu bringen. Obwohl dieser angehalten ist, mit aktuellem Material schnellstens in die Redaktion zurückzukehren, erklärt er sich dazu sofort bereit. Das Chi Bac-Ha Hospital von Cu Chi liegt glücklicherweise auf dem halben Weg. Als Nick die Kinder in Sicherheit weiß, eilt er weiter nach Saigon, wo er wohl zwischen 13.30 Uhr und 14.00 Uhr im AP-Büro ankommt.“ Soweit die als gesichert geltenden Fakten.
Zweifel
Wie bereits beschrieben, will Robinson nicht nur die Filme von Ut, sondern zwei weitere von zwei vietnamesischen Fotografen erhalten haben, darunter einer, dessen Namen er sich nicht merken konnte. Trotzdem will er die Negative gemäß den AP-Standards akribisch beschriftet haben. Er habe diese Etiketten überprüft, und das berühmte Foto sei von dem Stringer gemacht worden, aber, so sagt er im Film, „ich schaute zum Notizbuch hinüber [um den Namen zu überprüfen], und Horst Faas, der direkt neben mir gestanden hat, sagte: ‚Nick Ut. Mach Nick Ut draus.‘ Als Motiv unterstellen die Filmemacher, dass Faas sich für den Tod von Uts Bruder Huynh Thanh My schuldig fühlte, der bei einem Auftrag, den Faas ihm erteilt hatte, ums Leben gekommen war.
Für Ebert ist der Vorwurf, dass Horst Faas den Film eines anderen Fotografen später Nick Ut zugeschrieben haben soll, schlechterdings undenkbar. „Der 1933 in Berlin geborene Faas galt und gilt in der Szene als eine Person höchster Zuverlässigkeit und Integrität“, so der Experte.
James Hornstein, der Nick Ut als Anwalt vertritt: „Dies ist vielleicht das wichtigste Werk, das er in seinem Leben geschaffen hat, denn dieses Foto hat ihm viel Anerkennung eingebracht. Und dass man ihn der Lüge bezichtigt, wie es dieser Film tut, ist niederschmetternd.“ Für Hornstein ist Robinson ein „Mann mit einem 50-jährigen Rachefeldzug gegen AP“.
In einem Interview aus dem Jahr 2005 sagte Robinson, er sei der Meinung, dass AP mit der Verbreitung des Fotos „ein Monster geschaffen“ habe, weil sich die Sympathien der Welt auf ein einziges Opfer konzentrierten, anstatt auf die Kriegsopfer im Allgemeinen.
Michael Ebert vermutet, dass es Carl Robinson weniger um die Aufdeckung einer massiven Verwechslung geht, sondern dass hier möglicherweise andere Motive dahinterstehen könnten: „Schließlich spielt er in
der Causa vom Napalm Girl keine besonders rühmliche Rolle, war er doch der Bildredakteur, der das Foto aussortiert hatte. Nach Beendigung des Vietnamkrieges ging Robinson für AP nach Australien und wurde dann nach kurzer Zeit von der Agentur entlassen, was er wohl nie ver-wunden hat.“
Die Filmkritikerin Sheri Linden im Hollwood Reporter. „Letztlich ist „The Stringer“ mehr als ein Film über ein ikonisches Foto, sondern vielmehr eine tiefgehende Untersuchung über die Mechanismen des Fotojournalismus, die Rolle lokaler Mitarbeiter und die Herausforderungen, die mit der Zuschreibung von Urheberschaft einhergehen.“
Auf dem Spiel steht also nicht zuletzt auch der Ruf und die Glaubwürdigkeit von AP, denn für die Agentur ist Genauigkeit ein wesentlicher Bestandteil ihres Geschäftsmodells. „AP ist bereit, alle Beweise zu überprüfen und alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, falls sich die Behauptung als wahr erweist“, so die Nachrichtenorganisation.
Wann der Film in Deutschland zu sehen sein wird, steht noch nicht fest.
Foto oben: Eines der wichtigsten Fotos des 20. Jahrhunderts: „The Terror of War“, besser bekannt als „Napalm Girl“, das seit 1972 dem AP-Fotografen Nick Ut zugeschrieben wird und dessen Urheberschaft jetzt ein Stringer beansprucht
- Das undatierte Foto zeigt Kriegsberichterstatter im Jahr 1972 in Saigon, Vietnam. Von links nach rechts: Carl Robinson, Richard Pyle, Horst Faas, den Fahrer Nguyen Van Cuc, Peter Arnett, Neal Ulevich. [Saigon Press, aus der Sammlung von Neal Ulevich]