Während sich das Konzept vieler Kameras ähnelt, sticht die Hasselblad 907X als Hommage an das ikonische Design ihrer analogen Vorgänger heraus. Sie ist ein Design-Statement für all jene, die mehr suchen als nur ein Werkzeug. Unser Praxistest zeigt, wie alltagstauglich sie dennoch ist.
Hasselblad ist einer der Pioniere der Mittelformatfotografie. Seit 2017 gehört Hasselblad mehrheitlich dem chinesischen Drohnenhersteller DJI. Dieser nutzt die Expertise der schwedischen Traditionsmarke zur Verbesserung der Bildqualität seiner Produkte. Vor allem aber profitiert DJI vom Prestige der Schweden und lizenziert deren Markennamen an Smartphone-Anbieter wie OnePlus und Oppo, deren Spitzenmodelle von der Farbkalibrierung durch Hasselblad profitieren.
Ungeachtet dessen bietet Hasselblad im schwedischen Göteborg weiterhin Premium-Mittelformatkameras und Zubehör an. Im Jahr 2016 stellte das Unternehmen die weltweit erste digitale spiegellose Mittelformatkamera, die X1D-50c, vor. Seit einiger Zeit hat das SLR-System der Marke zugunsten seiner spiegellosen Modelle wie der integrierten X2D und der modular aufgebauten 907X Kombis mit den beiden Rückteilen CFV II 50C und CFV 100C ganz eingestellt. Mit diesen drei Modellen und einem guten Dutzend Objektiven ist Hasselblad ein absoluter Nischenanbieter, der keine detaillierten Informationen zur Umsatzentwicklung und zu Verkaufszahlen veröffentlicht.
Hohe Auflösung
Ein Jahr nach ihrer offiziellen Vorstellung brachte Hasselblad 2020 die modulare 907X 50C auf den Markt. In seiner traditionsreichen Geschichte verwendete Hasselblad oft dreistellige Zahlen zur Benennung seiner Kameras. Auch die Bezeichnung „907x“ scheint eher eine stilistische und symbolische Entscheidung zu sein, da sie keine offensichtliche technische Bedeutung hat. Sie soll vielmehr die Brücke zwischen der analogen Vergangenheit und der digitalen Gegenwart betonen, für die diese Kamera steht.
Seit rund einem Jahr ist die 907X in Kombination mit dem CFV 100C zu haben, die den rückwärtig belichteten 100-Megapixel-Sensor aus dem integrierten Schwestermodell X2D verwendet. Dieser von Sony produzierte Sensor wird auch von Fujifilm für sein GFX-System eingesetzt. Eine höhere Auflösung bietet derzeit nur Phase One mit seinem 150-Megapixel-Rückteil IQ4, das mit rund 46.000 Euro allerdings in einer völlig anderen Preisklasse spielt, dafür mit einer Sensorgröße von 53,4 mm × 40,0 mm aber auch 22 % mehr Fläche als der Sony-Sensor mit 43,8 mm × 32,9 mm bietet und damit 66,7 % größer ist, als ein Vollformatsensor.
Dabei kann bereits ein 100-Megapixel-Bild bei 300 DPI in einer Größe von ca. 70 x 100 cm gedruckt werden. Bei 180 DPI ergibt sich eine Druckgröße von ca. 115 x 170 cm. Alternativ ermöglichen 100 Megapixel die nachträgliche Wahl selbst extremer Bildausschnitte.
Modular
Durch die Modularität des Hasselblad-Systems kann das CFV 100C, wie auch das Phase One-Rückteil, an Fachkameras verwendet werden. ALPA bietet das Hasselblad-Rückteil beispielsweise im Kit mit seiner 12 STC inklusive Rodenstock-Objektiv und Zubehör, wie einem Stitching-Adapter, für unter 20.000 CHF an.
Die 907X und das CFV 100C bilden zusammen die kleinste Mittelformatkamera auf dem Markt. Die 907X ist allerdings nicht viel mehr als ein Adapter zwischen Objektiv und Rückteil und verfügt lediglich über einen Auslöser und einen Steuerring zur Einstellung von Zeit und Blende. Um den Funktionsumfang des Hasselblad CFV-Backs auch an Fachkameras zu gewährleisten, erfolgt die restliche Steuerung nahezu vollständig über das Rückteil.
Die Kombination liegt wie ein Würfel in der Hand, bietet in der Praxis jedoch wenig Halt, was einen Abzug in der Handling-Bewertung bringt. Der optional erhältliche Handgriff erweist sich als wenig ergonomisch und beeinträchtigt den Formfaktor der Hasselblad. Als verbesserungswürdig erwies sich im Praxistest auch die Akkulaufzeit.
Das Back ist kaum größer als ein klassisches Hasselblad-Filmmagazin. Mit seiner Vintage-Ästhetik, inklusive der lederähnlichen Abdeckung und der ikonischen Chromleisten, fügt sich das CFV 100C nahtlos in das V-System von Hasselblad ein. So werden die noch zahlreich verfügbaren Kameras der 500er- und 200er-Serie ab Baujahr 1957 zu Digitalkameras. Andererseits können an der 907X über einen entsprechenden Adapter auch Hasselblad XCD-, HC/HCD- und Xpan-Objektive verwendet werden. Selbst Objektive von Drittanbietern, wie die Shift/Tilt-Modelle von Laowa, sind nutzbar.
All dies führt jedoch zu Funktionseinschränkungen im Vergleich zum Einsatz mit X-System-Objektiven, da nur der elektronischen Verschluss der 907x genutzt werden kann, der aufgrund der anfallenden Datenmenge unter Umständen Rolling-Shutter-Effekte erzeugen kann. Jenseits der Landschafts-, Architektur- oder Stilllifefotografie empfiehlt sich daher der Einsatz der aktuellen Systemobjektive mit integriertem Zentralverschluss.
Risiken und Nebenwirkungen
Aber auch dann birgt das modulare System gewisse Risiken und Nebenwirkungen, denn es gibt weder einen elektronischen Sucher noch einen integrierten Bildstabilisator, wie sie das Schwestermodell X2D bietet. Für Street-, Action- oder selbst für Peoplefotografie und Aufnahmen ohne Stativ ist das modulare Hasselblad-System mit einer Pixelgröße von 3,76 µm daher nur bedingt geeignet, da selbst kleinste Bewegungen im Motiv oder der Kamera während der Belichtung zu Unschärfen und Auflösungsverlusten führen. Was übrig bleibt, sind riesige Dateien mit „vermatschten“ Bildinformationen. Fujifilm kombiniert den Sensor in seinen GFX-Modellen daher mit einem IBIS, der bis zu acht Blendenstufen kompensiert.
Für eine Farbwiedergabe, die der menschlichen Wahrnehmung nahekommt, sorgt Hasselblads Natural Colour Solution (HNCS). Mit einer Farbtiefe von 16 Bit stellt das CFV 100C etwa 281 Billionen Farben dar. Die minimale ISO-Empfindlichkeit liegt bei 64, der Dynamikumfang bei 15 Blendenstufen.
RAW-Dateien des Hasselblad CFV II 100C sind (abhängig von der Kompression) zwischen 300 MB und 400 MB groß. Unkomprimiert wären dies ca. 600 MB, wobei auch die Aufzeichnung von JPEG- und HEIF Daten möglich ist, die es durchschnittlich immer noch auf 40 MB beziehungsweise 20 MB bringen.
Daher mag es als Vorteil erscheinen, dass die Serienbildgeschwindigkeit mit maximal 1,5 Bildern pro Sekunde vergleichsweise langsam ist. Um die dennoch anfallende Datenflut speichern zu können, verfügt das CFV 100C über einen integrierten Speicherplatz von 1 TB für bis zu 4600 RAW-Bilder. Für die Bildübertragung stehen ein USB-C-Anschluss und WLAN zur Verfügung.
Aus der Hüfte
Die Bildkomposition erfolgt über das 3,2-Zoll-Touchscreen-Display mit 2,36 Millionen Bildpunkten, das von 40 bis 90 Grad nach oben geneigt werden kann und so Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven, einschließlich der Hüftperspektive, ermöglicht. Dies funktioniert jedoch optimal nur im Querformat; im Hochformat fehlt eine Schwenkfunktion des Displays. Im Praxistest hat sich daher die integrierte Crop-Funktion bewährt, mit der das Bildfeld unter anderem auf das klassische quadratische Hasselblad-Format eingestellt werden kann. Der daraus resultierende Auflösungsverlust ist angesichts der hohen Sensorauflösung in den meisten Fällen zu verschmerzen.
Der optional erhältliche, optische Aufstecksucher ist wenig mehr als ein Gimmick, da er keine Fokuskontrolle bietet. Ein elektronischer Aufstecksucher wäre hier wünschenswerter. Einen Ausweg aus dem Dilemma bietet Tethered Shooting: Die Phocus Mobile App ermöglicht die Fernsteuerung der Kamera inklusive Fokus, Belichtungszeit, ISO und anderer Parameter über WLAN von einem Smartdevise aus. Die Option zum Herunterladen und Bearbeiten von Aufnahmen auf ein mobiles Gerät erscheint aufgrund der großen Bilddatenmengen allerdings wenig praktikabel, zumindest für den RAW-Workflow.
Deutlich verbessert wurde gegenüber der 50-Megapixel-Version der Phasen-Autofokus (PDAF) des CFV 100C. Dessen 294 Messpunkte sind über die Sensorfläche verteilt und decken 97 % des Bildfelds ab. Die Gesichtserkennung erleichtert Porträtaufnahmen, bietet aber keinen Augen-AF, was sich im Praxistest bei Portraits bei Offenblende hilfreich erwiesen hätte. Die manuelle Fokussierung (MF) ist in bestimmten Fällen eine sinnvolle Alternative. Hier bietet die Kamera hilfreiche Unterstützung durch Focus Peaking und einen eingeblendeten Fokusindikator. Die Umschaltung von AF auf MF erfolgt bei den aktuellen Objektiven durch Verschiebung des Fokusrings.
Eine Videofunktion steht Beim CFV 100 im Gegensatz zum CFV 50 II übrigens nicht zur Verfügung.
Hasselblad Phocus
Die Hasselblad Phocus Software ist das zentrale Werkzeug für die professionelle Bildbearbeitung und Workflow-Optimierung. Sie bietet umfangreiche Funktionen zum Organisieren, Bearbeiten und Ausgeben von Bildern.
Die Desktop-Software ist eine kostenlose Anwendung für Windows und macOS, die speziell für die Verarbeitung der .3FR- und .FFF-RAW-Dateien der Hasselblad-Kameras entwickelt wurde. Sie unterstützt aber auch gängige Formate wie JPEG, HEIF und TIFF.
Die Tethered-Shooting-Funktion ermöglicht die Verbindung zwischen Kamera und Computer für Live-Ansicht, Aufnahme und Einstellungen – ideal für die Studiofotografie. Integrierte ICC-Profile gewährleisten eine hohe Farbgenauigkeit. Weitere Werkzeuge ermöglichen Belichtungsanpassungen, Farbkorrekturen, Schärfen und Rauschreduzierung.
Preis und Verfügbarkeit
Die Hasselblad 907X mit CFV 100C wird aktuell für rund 7.800 Euro angeboten, die Version mit dem CFV II 50C Rückteil kostet 6.600 Euro. Zum Vergleich: Die integrierte X2D-100c bietet für 8.700 Euro einen elektronischen Sucher und einen Bildstabilisator. Dennoch kann auch ihr Gesamtpaket nicht mit den Fujifilm GFX-Modellen mithalten, die nicht nur schneller sind und einen besseren Autofokus bieten, sondern auch Ausstattungsmerkmale wie Filmsimulationsmodi.
Nach dem Kauf fällt zudem der höhere Systempreis der Hasselblad ins Gewicht, da deren Objektive im Durchschnitt rund 60 Prozent teurer sind, als die von Fujifilm, was sich nicht allein durch den integrierten Zentralverschluss erklären lässt. Die XCD-Objektive werden in Zusammenarbeit mit dem japanischen Hersteller Nittoh Kogaku gefertigt, sodass das schwedische Lohnniveau keine Rolle spielt, da in Göteborg lediglich die Endmontage und Qualitätskontrolle der Kameras und Objektive erfolgt. Zum Zeitpunkt dieses Praxistests waren von 15 verfügbaren Hasselblad-Objektiven lediglich das XCD 4/45P sofort lieferbar; für alle anderen wurden um den Jahreswechsel Lieferzeiten von einem bis sechs Monaten angegeben.
Fazit
Die 907X besticht Liebhaber klassischer Kameras vor allem durch ihr reduziertes Retro-Design und richtet sich nicht nur an Profis, sondern auch an Enthusiasten, die Fotografie als Liebhaberei betreiben und das Besondere suchen. Rein technisch ist das Schwestermodell X2D überlegen, dafür aber weniger flexibel einsetzbar und weitaus konventioneller.
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